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Lilly Heeb darf stets auf die Hilfe ihrer Tochter Helen zählen, die sie regelmässig besucht.

Erstkommunikantin Lilly vor der Kapelle in Lienz.

Lilly mit 17 Jahren bei der Lehrfamilie im Thurgau.

Zufrieden sein und dem Leben Sorge tragen

 

In unserer Serie berichten uns ältere Menschen, die in der Rhode Lienz wohnen, aus ihrem Leben. Lilly Heeb ist mit 91 Jahren die älteste Einwohnerin von Lienz und hat fast ihr ganzes Leben hier verbracht. Mehrmals wurde die Familie durch Schicksalsschläge schwer geprüft. Dank ihrem Glauben und einer positiven Lebenseinstellung hat Lilly ihren Weg gemeistert und kann heute auf ein gutes Leben zurückblicken. Sie ist glücklich, noch immer in ihrem Haus in Lienz wohnen zu können.

 

Lilly Heeb hat zwar fast ihr ganzes Leben in Lienz verbracht, geboren ist sie jedoch weit weg, nämlich in Genf. Eine Arbeitsstelle hatte ihre Eltern, die Mutter eine Lienznerin, der Vater ein Appenzeller, damals in die Fremde gerufen. Lilly war das Jüngste von drei Kindern. Das Geld war knapp, so war es notwendig, dass auch die Mutter einer Arbeit nachging. Lilly wurde deshalb schon bald zu ihren Grosseltern nach Lienz in Obhut gegeben. Es sei ihr gut ergangen, sagt sie, die Grosseltern hätten immer gut zu ihr geschaut.

 

Jedes Mal, wenn die Mutter zu Besuch in Lienz war, hatte Lilly Angst, dass sie zurück zur Familie nach Genf müsse. Das sei tatsächlich immer wieder ein Thema gewesen, «aber die Grosseltern haben mich nicht hergegeben und ich wäre um alles in der Welt nicht von Lienz weggegangen». So blieb es bei den alljährlichen Ferien, die Lilly bei ihren Eltern und Geschwistern in Genf verbrachte. Die Zugfahrt kostete damals 40 Franken – sehr viel Geld in einer Zeit, in der die Familie den Fünfpfünder beim Beck oft anschreiben lassen musste und erst eine Woche später bezahlen konnte. Einmal hätte sich ihre damalige Handarbeitslehrerin sehr dafür eingesetzt, dass das Geld für die Zugfahrt von Pro Juventute übernommen wurde. «Das war für uns natürlich eine grosse Freude.» Als Viertklässlerin musste Lilly die Zugfahrt bereits das erste Mal alleine in Angriff nehmen.

 

Mit dem Nationalrat unterwegs

Ihre Grosseltern vereinbarten aber mit dem Nationalrat aus Sennwald, der damals oft nach Bern reiste, dass dieser auf die Kleine aufpasste.

Nach der Schulzeit – Lilly war stets eine gute und fleissige Schülerin – musste Lilly schweren Herzens weg von «ihrer» Lienz und absolvierte im Thurgau die landwirtschaftliche Haushaltlehre.

 

Immer, wenn Sie ein paar Tage frei hatte, fuhr sie nach Hause. «S´Herz isch mir jewils fascht überlaufa, wenn i d´Lienz wieder gseh ha», schmunzelt sie. Und endlich, endlich konnte sie dann wieder in ihrem Laubbett schlafen! Dieses war für sie viel kuscheliger als das «richtige» Bett im Thurgau. Lilly hat bis heute den guten Kontakt zu den damaligen Kindern ihrer Lehrfamilie bewahrt.

 

Nach der Lehre ging Lilly nach Genf zu ihren Eltern und Geschwistern, um Französisch zu lernen. Aber sie hatte so grosses Heimweh, dass sie nach einem halben Jahr bereits wieder vor der Türe ihrer Grosseltern in Lienz stand. Sie arbeitete fortan in der Tuchfabrik in Sennwald und später in Lienz als Näherin.

 

Nachdem ihre Grossmutter gestorben war, fühlte sich Lilly ziemlich alleine. Beni Heeb hätte sich auf dem Weg zur Arbeit ab und zu nach ihrem Befinden erkundigt, erinnert sie sich. «Das hat mich gefreut, denn meistens waren die Leute ja mit den eigenen Sorgen beschäftigt.» So hat sie mit der Zeit Vertrauen zu dem 15 Jahre älteren Mann gefasst und sich in ihn verliebt. Im Jahre 1954 haben Beni und Lilly geheiratet.

 

Nicht auf Geld gebettet

Er hätte ihr schon damals gesagt: «Muesch nöd tänka, du chömmscht inen Hungtopf», erinnert sich Lilly, dass er also nicht auf Geld gebettet sei. So sei es dann auch gewesen. Als selbständiger Bauunternehmer arbeitete Beni sehr hart und Arbeit gab es genug. Weil es mit der Zahlungsmoral der Kunden aber nicht zum Besten stand und oft auch dort das Geld an allen Ecken und Enden fehlte, war die finanzielle Lage der Familie oft schwierig. Die Leute auf die ausstehenden Rechnungen anzusprechen – das wollte Beni aber überhaupt nicht. «Wir konnten uns zum Glück mit vielem selbst versorgen, so ging es immer wieder irgendwie».

Die Ehe von Lilly und Beni wurde mit zwei Kindern gesegnet, Helen und Beni Junior. Als Beni nach der Schule ebenfalls die Maurerlehre machen wollte, war das erst gar nicht im Sinne seiner Mutter. Er wollte aber mehr und bildete sich weiter, erst als Hochbauzeichner und dann noch Architekt. Sorgen um seine berufliche und finanzielle Zukunft musste sie sich damit keine mehr machen.

 

«Zufrieden sein, mit dem, was man hat», das sei sie immer gewesen, und sie blicke auf ein gutes Leben zurück, sagt Lilly heute.

 

Im Glauben Kraft geschöpft

Das will aber nicht heissen, dass es ein einfaches Leben war. Schwere Unfälle stellten die Familie mehr als einmal auf eine harte Probe. Sohn Beni erlitt auf einer Baustelle durch einen umgekippten Kran schwere Beinverletzungen. Nach langem Aufenthalt in der Reha-Klinik in Basel und dank eisernem Willen war er schliesslich wieder imstande, am Stock zu gehen. Noch heute ist Lilly ob dieser Tatsache erfüllt von einer grossen Dankbarkeit. Auch die beiden späteren Unfälle erschütterten das Leben der Familie zutiefst.

 

Halt in diesen schwierigen Zeiten fand Lilly immer wieder in ihrem Glauben. Sie hätte oft in ihrer Kammer auf dem Bett gesessen, das Kreuz, das sie einmal geschenkt bekommen hat, in den Händen und hätte nach oben geblickt. «Mach du jetzt weiter», habe sie dann gesagt, «ich kann nicht mehr» – und dennoch habe die Welt sich immer weitergedreht. Nicht zuletzt dank ihrer positiven Lebenseinstellung und ihrem angeborenen Appenzeller Humor ist es Lilly gelungen, nicht am Leben zu verbittern. Was ihr nicht gut tut, lässt sie heute gar nicht mehr an sich heran. «Sonst kommt man nicht vom Fleck», sagt sie.

 

Zufrieden und eigenständig

Mit 91 Lebensjahren, wachen Augen und einem herzlichen Lachen ist Lilly heute ganz einfach zufrieden. Zufrieden, trotz Rollator noch eigenständig in ihrem Haus in Lienz wohnen zu können. Sie kann dabei stets auf die Hilfe von Helen und Beni zählen, die regelmässig zu Besuch kommen. Glücklich und zufrieden auch, dass ihre ehemalige Jugendliebe Ernst, mit dem sie als 18-Jährige zwei Jahre lang zusammen war, sie fünf Jahre nach Beni´s Tod wieder besuchte und als Freund an ihrer Seite geblieben ist. Zufrieden, mit so vielen lieben Menschen ein gutes Verhältnis bewahrt zu haben und sich über deren Besuche freuen zu können. «So», sagt sie, «ist es schön, wenn man alt werden kann.»

 

Text /Bilder: Heidy Frei